Literatur und Musik im Museum

Ein Abend mit ganz besonderer Tiefe

„Literatur und Musik im Stadtmuseum“ lockte Besucher zu den Kulturtagen – Hermann Hesse stand im Mittelpunkt

Der Bürgersaal des Stadtmuseums war voll besetzt, als Hermann Mohr, Violine und Martin Schreiner, Piano zu musizieren begannen. Fröhlich klang Johann Sebastian Bachs Bourrée und in heiterer Stimmung rezitierte Christine Friedrich Hermann Hesses „Schönes Heute“ und „Weiße Wolken“. Das Publikum lauschte ihren Ausführungen über Hesses Kindheit, die sich besonders auf des Dichters weitgereiste Eltern und den Phänomenen Heimat, Flucht und Fernweh bezogen. „Denn auch im Glücke kann ich auf Erden doch nur ein Gast und niemals Bürger werden“, so heißt es im Gedicht „Gegenüber von Afrika“. Hesse geht unter die Haut, berührt, rüttelt wach und verführt zu einem neuen Blick auf die Welt. Das macht ihn so einzigartig. 

Mit „Verlorener Klang“ entführte die Rezitatorin die Zuhörer in die wache Wahrnehmungswelt eines Kindes, in einen Erinnerungszauber aus Duft und Klang, bis die Musik mit Antonio Vivaldis „Winter“ die wehmütige Stimmung aufnahm und in eine Melodie verwandelte, die den Raum ganz erfüllte. Eine hervorragend aufeinander abgestimmte Symbiose von Literatur und Musik ist den Akteuren hier bei der nunmehr fünften Veranstaltung dieser Art wieder gelungen.  Hesses Ausführungen über das Wesen des Menschen, über die Kindheit und die „nicht zu vernichtende Seele“ gaben dem Abend eine besondere Tiefe. „Denn Glück empfinden kann nur die Seele, nicht Bauch, Kopf oder Geldbeutel“, zitierte Christine Friedrich den großen Dichter des 20. Jahrhunderts, der uns mit seinen Gedichten „Im vierten Kriegsjahr“, „Frühling 1915“ und „Ich weiß von solchen“ sehr berührt und heutig erscheint.  Stark, laut und lebensbejahend endete der Abend mit dem Gedicht: Gestutzte Eiche, „Ich bin wie du, mit dem verschnittnen, gequälten Leben brach ich nicht, und tauche täglich aus durchlittnen Roheiten neu die Stirn ins Licht….und allem Weh zum Trotze bleib ich verliebt in die verrückte Welt!“ Kraftvoll und stark brachten die Musiker das letzte Werk zur Aufführung: Carl Maria von Webers „Carattere Espagnolo“.  „Schade, schon vorbei!“ klang es aus dem Publikum. Zum Dank gab es Rosen und ganz viel Applaus, bis sich die Akteure entschlossen, im kommenden Jahr die Reihe „Literatur und Musik im Museum“ mit einem neuen Thema fortzusetzen, sicher auch wieder mit Unterstützung des Vereins „Freunde Sinsheimer Geschichte“ e.V., die in der Pause für gute Getränke und anregende Gespräche sorgte.

Rhein-Neckar-Zeitung 19./20. November 2016